Kanazawa, Japan

Ein kurzer, aber umso schöner Ausflug nach Little Kyoto…

In der Nacht vor unserer Abfahrt nach Kanazawa, habe ich die Nebenkostenabrechnung für unsere Wohnung in Ettlingen, welche wir derzeit untervermieten, überprüft. Endlich passt hier alles und unsere Freundin Alex konnte die Rechnung für unseren Untermieter fertig machen. Das Problem war hier die Aufteilung der Kosten auf den Untermieter und uns, da beide Parteien letztes Jahr jeweils einige Monate in der Wohnung gewohnt hatten. Leider verlief die Nacht wieder mal nicht so gut. Warum? Weil so ein rücksichtsloser Japaner wieder mal meinte, dass er seine Taschen und Tüten so laut packen muss, dass er jeden im Zimmer damit aufgeweckt hat. Es ist wirklich Wahnsinn, was die alles mitnehmen. Japaner sind in dem Bezug meist schlimmer, als Chinesen. Unglaublich! Morgens haben wir gepackt und nach einem ausgiebigen Frühstück im Hostel, ging es mit dem Zug direkt nach Kanazawa, auch Little Kyoto genannt. Die Fahrt dauerte etwas mehr als zwei Stunden. Unser Zug hieß Thunderbird 17. Das war mal ein cooler Name.

Bei der Ankunft in Kanazawa fiel uns gleich der Bahnhof auf. Wenn man sich etwas vom Bahnhof entfernt, dann hat man einen ziemlich guten Blick auf die Architektur. Direkt vor dem Hauptgebäude steht ein Heiliges Tor aus Holz. Dahinter sieht man dann die große Glaskuppel, welches das Hauptgebäude des Bahnhofs ist. Das Heilige Tor ist wie ein traditionelles Torii gebaut worden, welche wir euch bereits im Artikel über Kyoto gezeigt haben. Die Torii symbolisieren den Übergang von der alltäglichen Welt zu einem heiligen Ort. Meistens ist das ein Schrein. Was das nun für den Bahnhof bedeutet, kann jeder für sich selbst entscheiden. Entweder ist der Bahnhof ein heiliger Ort oder vielleicht die anstehende Fahrt selbst. Hier gibt es viele Interpretationen. Neben dem beeindruckenden Bahnhof, ist uns auch ein kleiner Brunnen aufgefallen, der die Uhrzeit, wie auch den Ortsnamen, in „Wasserschrift“ zeigt.

Vom Bahnhof aus, sind wir den relativ langen Weg zum Hostel gelaufen. Es hieß HATCHi und gehörte zu einer Kette namens The Share Hostels. Da es noch zu früh zum Einchecken war, haben wir unsere Rucksäcke hier gelagert und sind erstmal los gezogen, um etwas zu essen. Wir hatten schon wieder ordentlich Kohldampf. Blöderweise hatte so gut wieder jeder Laden geschlossen, weil wir uns mitten in der Golden Week befanden. Wir haben wirklich verzweifelt nach einem Restaurant gesucht und waren froh, dass wir nach einiger Zeit einen Ramen essen konnten. Das war echt ein Krampf. Vor allem haben die Restaurants nie wirklich zu. Die Türen sind immer offen und wenn man rein geht, dann schicken einen die Besitzer wieder nach draußen. Total merkwürdig. Sollen die doch einfach abschließen 😉

Nach dem Mittagessen, sind wir noch etwas durch die Innenstadt geschlendert. Wie gesagt, viel machen konnten wir an diesem Tag nicht, da wirklich alles zu hatte. Und die Stadt war irgendwie tot. Es waren kaum Leute auf der Straße. Daher sind wir gegen Nachmittag wieder zurück ins Hostel gelaufen und haben unser Zimmer bezogen. Wir haben noch ein paar Sachen in einem Supermarkt eingekauft, damit wir für später etwas zu essen hatten. Bei einem Spaziergang am späteren Abend an einem Fluss um die Ecke, sind uns ein paar Geishas aufgefallen, die hier gesungen haben. Wir haben uns das Ganze mal angesehen und später fest gestellt, dass es hier eine kleine Veranstaltung am Wochenende geben soll, wie die Damen auftreten sollten. An diesem Tag sollten wir aber nicht mehr in Kanazawa sein. Wir haben unseren Aufenthalt hier bewusst kurz gehalten, damit wir am Ende unserer Japan-Reise, nochmal etwas Zeit für Tokio hatten. Wir mochten die Stadt einfach so. Bevor wir ins Bett gegangen sind, hat Kathi gleich einem Japaner, der wieder mal seine Tüten ausgepackt hat, erklärt, dass er das am nächsten Morgen doch bitte draußen machen soll. Sonst wird der Tobi nämlich böse 😉

Am nächsten Morgen haben wir unser Frühstück im unteren Bereich des Hostel in einer sehr großen Küche genossen. Dabei haben wir ein Pärchen aus Tschechien kennen gelernt. Mit den beiden hatten wir ein sehr interessantes Gespräch über Japan. Es ging dabei hauptsächlich um die Menschen, die hier leben und mit welchen Problemen diese zu kämpfen haben. Vor allem in Tokio. Das große Problem hier ist, dass die Menschen viel zu lange arbeiten. Und da hier wirklich NIEMAND individuell ist, macht da auch jeder mit. Egal, ob man dabei produktiv ist oder nicht. Man bleibt einfach in der Arbeit. Genau wie jeder andere eben auch. Dadurch haben die Menschen wenig Freizeit und auch wenig Schlaf. Oft machen sie sogar während der Arbeit „kleinere Nickerchen“. Ablenkung finden sie meistens in den vielen Spielhallen, die es überall gibt. Da wird das schwer verdiente Geld schnell ausgegeben. Erinnert ihr euch noch an den Stadtteil Akihabara in Tokio? Das ist so eine Gegend, wo das geht. Um mal etwas Zuneigung zu bekommen, gehen einige Männer auch in sogenannte Meerjungfrauen-Cafés. Die Bedienungen sehen aus, wie Meerjungfrauen, die gerade einem Manga-Comic entsprungen sind. Und diese kümmern sich eben um die Männer.

Natürlich kostet es auch was. Hier geht es aber nicht um Sex, sondern darum, dass man etwas Zeit zusammen verbringt und das Gefühl von Zuneigung vermittelt bekommt. Ist das nicht traurig? An dieser Einsamkeit gehen auch viele zugrunde. Denn daraus resultiert auch ein großes Alkoholproblem. In jedem kleinen und großen Supermarkt gibt es starke alkoholische Getränke für einen kleinen Preis. Ein Becher Sake oder eine große Dose mit einem alkoholischen Mischgetränk kosten keine zwei Euro. Ich selbst hatte schon nach zwei solchen Dosen ordentlich einen sitzen. Die Regierung versucht hier etwas entgegen zu steuern, aber bisher fruchtet das wohl nicht viel. Eine anderes Problem beschreibt das japanische Wort Hikikomori. Es geht darum, dass viele Japaner über 40 Jahre sehr isoliert leben. Sie verlassen ihre Wohnung gar nicht mehr und ziehen sich immer mehr zurück. Es sollen mittlerweile mehr als 600.000 Menschen davon betroffen sein. Diese Menschen haben höchstens noch Kontakt zu Familienmitgliedern. Das war es dann auch. Und während der Golden Week langweilten sich wohl viele Japaner, weil sie nichts mit sich anzufangen wussten. Es war schwer für sie, so lange nicht arbeiten zu können. Auch hier ist die Regierung gefragt, damit das Leben dieser Menschen irgendwann wieder lebenswürdig wird. Also schön ist diese Situation hier nicht.

Kommen wir aber nun mal zurück zu Kanazawa. Unser Weg führte uns heute zuerst ins Kanazawa Castle. Es liegt neben dem benachbarten Kenrokuen Garten. Beide Ort eignen sich für einen Besuch. Bis zur Zeit des Kaisers Meiji wurde die Burg über 14 Generationen hinweg von dem Maeda Clan beherrscht. Ab 1871 wurde es schließlich zum Hauptquartier der Imperial Japanese Army (9th Division). Im Jahre 1881 wurden die meisten Strukturen des Gebäudes bei einem Feuer zerstört. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde ein Teil zur Kanazawa Universität umfunktioniert. Bis ins Jahr 2001 wurden die restlichen Teile des Gebäudes restauriert und nach dem Aussehen aus den 1850er Jahren nach gebaut. Um auf das Gelände der Burg zu kommen, musste man wieder durch zwei Tore gehen, die um 90 Grad Winkel gebaut worden sind. Das diente zur Abwehr von Feinden, da diese beim Durchkommen durch das erste Tor vor dem zweiten Tor stehen bleiben mussten und dann quasi in der Falle saßen. Für 500 Yen konnten wir die Burg und den erwähnten Garten besuchen.

Wir haben beschlossen, uns beides anzuschauen, auch, wenn wir da nicht unbedingt das größte Interesse dran hatten. Zugegeben, das Innenleben der Burg hat uns jetzt nicht wirklich umgehauen, da es eben restauriert und nach gebaut ist. Es sah innen aus, wie in einer Sauna, da alles aus Holz war. Interessant war hier aber die Architektur, und vor allem, wie das Holz angefertigt und anschließend verbaut wurde. Die Burg wurde in einer Diamantenform gebaut. Das erforderte den Einsatz schwieriger Winkel, um das zu erreichen. Und die Art und Weise, wie die hölzernen Steckverbindungen erbaut und verwendet worden sind, war krass. Es sah irgendwie aus, wie aus einem Baukasten für Kinder. Aber eben absolut perfekt. Auf solche Ideen musste man erstmal kommen. Und vor allem musste das Resultat auch fest und robust sein. Also alle Achtung an die damaligen Architekten, die mathematisch wohl auf dem höchsten Bildungsstand waren. Als Besucher durften wir diese Steckverbindungen nicht nur anschauen, sondern auch selbst zusammen bauen.

Weiter ging es für uns in den Kenrokuen Garden. Er ist einer der drei berühmtesten Gärten Japans. Hier kann sich jeder Besucher für eine eigenen japanischen Garten inspirieren lassen. Und dafür gibt es mehr als genug zu sehen. Es gibt u.a. einen großen Teich, ein Teehaus, einen grünen Wasserfall, viele Steinlaternen, eine Brücke sowie eine unglaubliche Flora und Fauna. Da hat Kathis Kamera einige Zeit viel zu tun gehabt, denn diese Eindrücke wollten wir natürlich festhalten.

Durch einen Zufall sind wir später in eine anstehende Tee-Zeremonie geraten. Für 310 Yen hat jeder einen Matscha-Tee, einen grünen Tee, und ein kleines süßes Teilchen bekommen. Dabei saßen wir zusammen auf dem Boden und haben getan, was die Dame vor uns gezeigt hatte. Danach konnten wir uns nach draußen setzen, um die Aussicht auf den kleinen Garten hinter dem Teehaus zu genießen. Das hat Spaß gemacht und stand eh auf unser To-Do Liste.

Nach dem Verlassen der Gartenanlage, sind wir am Museum Of Contemporary Art vorbei gelaufen. Das sah schon von außen total abgefahren aus. Rein gegangen sind wir aber nicht, da wir kein Interesse hatten. Wir hatten nämlich mal wieder Hunger und so haben wir ein Okonomiyaki Restaurant aufgesucht. Hier war es dieses Mal so, dass wir alle Zutaten selbst vermengen mussten, um diese dann auf dem Teppanyaki zu braten. Eine neue und äußerst leckere Variante.

Die nächste Station für uns war ein Ninja Tempel. Darauf hatte ich mich sehr gefreut, da ich schon immer ein gewisse Begeisterung für die Ninja hatte. Das kam wohl von den vielen Filmen, die ich Anfang der 90er gesehen hatte. Ninja bedeutet übersetzt „Verborgener“. Manchmal sagt man auch Shinobi dazu. Diese Kämpfer wurden als Spione und auch als Meuchelmörder eingesetzt. Leider gibt es keine verlässlichen historischen Quellen über die Ninja. Es gibt lediglich ein paar alte Lehrtexte. Daher ist die Bedeutung der Ninja in der japanischen Geschichte eben umstritten. Anders, als bei den Samurai. Als eine Art Kampfsport-Form ist das Ninjutsu daraus entstanden. Einer der berühmtesten Ninja war niemand geringeres als Hattori Hanzo, den Quentin Tarantino in seinem Film Kill Bill ehrte. Neben Schwertern, setzten die Ninja auch Wurfsterne und Dolche ein. Beim Schreiben dieses Artikels bekomme ich direkt wieder Lust, die American Ninja Filme mit Michael Dudikoff zu schauen 😉

Der Ninja-Tempel war aber sehr enttäuschend für uns. Warum? Weil es hier nie irgendwelche Ninjas gab. Es geht hier viel mehr darum, wie sich Flüchtlinge heimlich von diesem Ort hier zum Kanazawa Castle schleichen konnten. Also dieses „Verborgene“, was die Ninjas repräsentieren, stand hier im Vordergrund. Dafür muss man 2000 Yen Eintritt zahlen, um einen Führung zu sehen, die nur in japanischer Sprache durchgeführt wurde. Daher haben wir dankend abgelehnt und uns lediglich den Außenbereich angeschaut. Dieser war tatsächlich sehr hübsch anzusehen.

Und so sind wir noch etwas weiter durch Kanazawa gelaufen. Es ist schon fast ein wenig verrückt, was man hier alles sehen kann. Und das ganz ohne die Touristenmassen, die wir sonst immer um uns hatten. So führte uns eine Straße durch ein kleines Samurai-Viertel, wo die Gebäude noch sehr traditionell aussagen. Ein kleines Stück weiter konnten wir mal wieder einen lokalen Markt besuchen und haben etwas zu essen für später gekauft. Auch ein kleiner Baumkuchen war dabei. Den Abschluss des Tages bildete das Geisha-Viertel mit dem Tee-Bezirk. Auch hier sahen die Gebäude und Straßen sehr traditionell aus. Und viele Japaner nutzten die freie Zeit und verkleideten sich entsprechend, um hier ein paar tolle Fotos zu machen. Dieses Treiben haben wir einige Zeit beobachtet. Abends haben wir mal wieder etwas Sushi aus dem Supermarkt im Hostel verdrückt. Dabei haben wir Niklas aus Schweden kennen gelernt, der mittlerweile mit seiner deutschen Freundin in Düsseldorf lebt. Diese war gerade schwanger und er ist ein letztes Mal allein verreist, bevor der Stress als Papa los ging.

Und so schnell war die Zeit in Kanazawa zu Ende. Wir wären tatsächlich gern etwas länger geblieben, da wir hier vor allem die Ruhe und die wenigen Touristen genossen haben. Das war nach Tokio und Kyoto eine mehr als nötige Abwechslung. Das einzige, was wir hier mal wieder nicht gerafft haben, war der Trubel um das Blattgold. Das wurde hier immer wieder zu verschiedenen Gerichten dazu gegeben. Meistens war es Eis. Und dann war so ein Eis gleich mal knapp zehn Euro teuer. Nein, danke! Aber nun stand auch schon die nächste Großstadt an. Osaka wollte erkundet werden und ich kann euch jetzt schon sagen, dass mich diese Stadt mehr als gebrochen hat. Hier bin ich nicht nur am Bahnhof irre geworden. Also seid gespannt…

Kyoto, Japan
Osaka, Japan

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